Dissertation (PhD)

Pendelmigration aus Oberschlesien - Cover

Ewa Palenga-Möllenbeck: Pendelmigration aus Oberschlesien. Lebensgeschichten in einer transnationalen Region Europas. Bielefeld: Transcript 2014.

ISBN 978-3-8376-2133-4

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Das Konzept »transnationaler Räume« hat der Migrationssoziologie neue Impulse gegeben. Wenig Beachtung hingegen fand bisher die Pendelmigration deutsch-polnischer Doppelstaatler aus Oberschlesien – einer Region, die aus der ehemaligen Peripherie Deutschlands wie Polens inzwischen mitten in ein vereintes Europa gerückt ist.
Dabei macht die wechselvolle Geschichte dieser historischen Grenzregion sie geradezu zu einem Paradebeispiel für das Phänomen »Transnationalismus«. Die hier analysierten Lebensgeschichten ihrer Einwohner/-innen werfen Schlaglichter auf europäische Diskurse über soziale und politische Partizipation sowie auf individuelle und kollektive Identitätsbildung.

Seit einiger Zeit gibt es in der soziologischen Migrationsforschung einen neuen Ansatz – das Konzept transnationaler sozialer Räume. Während die traditionellen Theorien Migration als biografisch einmaliges Hinüberwechseln aus einem nationalstaatlichen „Container“ in einen anderen interpretierten, lassen sich heute Migrationsphänomene beobachten, die sich mit den bisherigen Modellen nur unzureichend verstehen lassen. Nicht trotz, sondern gerade durch Migration über Grenzen hinweg werden Beziehungen aufgebaut und gepflegt; die Akteure sind sowohl in der Herkunftsgesellschaft als auch in der Ankunftsgesellschaft „eingebettet“. Der transnationale Migrant gestaltet sein Leben gleichzeitig an mehreren Orten (pluri-lokal). Er identifiziert sich nicht nur mit der Kultur eines der Orte – hat aber auch nicht einfach eine „hybride“, „additive“ Identität. Vielmehr spannt er über nationalgesellschaftliche Grenzen hinweg einen neuen transnationalen sozialen Raum (im Folgenden „TSR“) auf.

Meine These lautet, dass der Prototyp transnationaler Kultur im deutschen Fall durch polnische Arbeitsmigranten gebildet wird, und dass hierbei die sog. „deutsche Minderheit“ in Oberschlesien eine zentrale Rolle spielt. Das deutsch-polnische Beispiel ist erstens interessant, weil es quasi ein europäisches Pendant zum prototypischen mexikanisch-amerikanischen Fall ist – man kann hier von einem „zirkulären“ Migrationsraum sprechen. Zweitens stellt die Region Oberschlesien einen besonderen Fall dar; neben den historischen deutsch-polnischen Verflechtungen kommt nach 1989 ein neuer Faktor hinzu: Aufgrund des ius sanguinis wird einer hohen Zahl von Autochthonen die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen, ohne dass diese – wie bis dahin verlangt – den polnischen Pass zurückgeben müssen. (Die Anzahl der deutsch-polnischen Doppelstaatler wird in der Literatur – je nach Definition – auf 170.00 bis 1 Mio. geschätzt.) Nach der Grenzöffnung wurde so eine Pendelmigration mit unterschiedlich langen Intervallen möglich, wobei die Doppelstaatler gegenüber anderen Polen durch ihre volle rechtliche Gleichstellung mit anderen deutschen Staatsbürgern einen entscheidenden Vorteil haben, der die Ausprägung transnationaler Migrationsmuster fördert. Gerade die doppelte Staatsangehörigkeit gilt in der Literatur als ein wichtiges Merkmal für Transnationalität.
Ausgehend von explorativen Vorarbeiten für meine M.A.-Arbeit bin ich in meinem Dissertationsprojekt dieser Entwicklung nachgegangen um zu Vorschlägen für eine theoretische Konzeptualisierung des TSR-Konzepts im deutschen bzw. europäischen Kontext zu gelingen. Dazu wurden vorwiegend Methoden der qualitativen empirischen Sozialforschung verwendet: biografische Interviews, teilnehmende Beobachtung. Nur mit ihrer Hilfe lassen sich die Kriterien transnationaler Räume erfassen, die – bei aller Unterschiedlichkeit verschiedener Autoren – allesamt die kognitive Dimension menschlichen Handelns in den Vordergrund stellen: Mentale Karten, kollektive und individuelle Selbstbeschreibungen (Identitäten), Sinngebung der eigenen Biografie bzw. Lebensplanungen.

Das Thema ist in mehrfacher Hinsicht gesellschaftspolitisch relevant. Erstens beleuchtet es die fortschreitende Erosion des Normalarbeitsverhältnisses. Arbeitsverhältnisse werden zunehmend episodenhaft bzw. prekär, was auffällig mit dem episodenhaften und oftmals erratisch erscheinenden Migrationsverhalten von transnationalen Migranten korreliert. Einerseits profitieren diese vom Vorhandensein eines Markts prekärer Arbeitsverhältnisse; andererseits wirken dessen Bedingungen auch als äußerer Zwang. Zweitens wirft das Thema Fragen auf im Zusammenhang mit der Debatte um die „Leitkultur“, doppelte Staatsangehörigkeit bzw. Deutschland als Einwanderungsgesellschaft. Ist Transnationalität ein Spaltpilz, oder kann sie – wie Ludger Pries argumentiert – im Gegenteil zum „Kitt“ für ein „nachhaltiges soziales Europa“ werden?

 

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